1. Vorurteile anderer Menschen
Es wird meist automatisch davon ausgegangen, dass mit einem dreibeinigen Hund all die Dinge, die mit einem vierbeinigen Hund möglich sind, nur sehr eingeschränkt funktionieren. Den Alltag stellt man sich belastend vor. Häufig wird bezweifelt, ob das Leben für "so einen" Hund denn überhaupt noch lebenswert ist - ohne den Hund auch nur ansatzweise näher zu kennen, alleine aufgrund der Tatsache, dass der eben nur drei anstatt vier Beine hat.
2. Reaktionen auf unsere Hunde
Ein tauber Hund fällt meist nicht weiter auf, ein dreibeiniger dagegen schon. Halter müssen sich damit auseinandersetzen, ständig und überall angesprochen zu werden - nicht immer freundlich. Seltsamerweise hört man ganz oft "der hat ja nur ein Bein" - scheinbar sind die Menschen so perplex, dass sie spontan nicht mehr bis drei zählen können.
Begegnen Sie einem dreibeinigen Hund, verkneifen Sie sich bitte auch das so beliebte "der arme Hund". Weder Hund noch Halter empfinden so und wenn man es ständig hört nervt es ganz einfach. Freundliches und interessiertes Nachfragen nach dem Warum und Weshalb ist jedoch völlig in Ordnung! Halter eines behinderten Hundes möchten allerdings auch nicht ständig dafür gelobt und bewundert werden, dass sie ihm trotz seines Handicaps ein Zuhause gegeben haben. In der Regel ist der Hund nicht wegen oder trotz seiner Behinderung in seiner Familie, sondern weil er eben genau der Hund war, den man wollte. Auch vor Hunden mit Handicap macht die berühmte Liebe auf den ersten Blick nicht halt!
3. Räumliche Grenzen
Hunde tragen mehr als 60 % ihres Körpergewichts auf den Vorderbeinen. Eine Tatsache, die vielen Menschen überhaupt nicht bewusst ist. Während Hunde mit nur einem Hinterlauf in der Regel kaum eingeschränkt sind, sind Hunde mit nur einem Vorderlauf nicht so ausdauernd und halten keine kilometerlangen Märsche durch. Generell sollte man bei einem Hund, bei dem aufgrund seiner Behinderung vorzeitiger Verschleiß zu befürchten ist, die Gelenke nicht zusätzlich durch übermäßiges Treppensteigen und unnötige Sprünge belasten.
Kommunikation der Hunde untereinander und mit den Menschen
1. Begegnungen draußen (Kontaktaufnahme)
2. Verhalten normal zu Handicap
3. Spielverhalten
In diesen drei Punkten unterscheiden sich dreibeinige Hunde überhaupt nicht von Hunden ohne Handicap.
Konfliktsituationen, die durch die Dreibeinigkeit entstehen können
Plötzliches Eintreten der Behinderung
Das Sehvermögen, aber auch das Gehör, wird häufig schleichend über einen längeren Zeitraum immer schlechter bis der Hund schließlich gar nichts mehr sieht oder hört. Je nach Ursache kann der Prozeß vielleicht zwar nicht vollständig aufgehalten, aber zumindest verlangsamt werden.
Eine Amputation ist dagegen in der Regel plötzlich und unerwartet erforderlich. Zwischen Ursache und Operation vergeht meist nur kurze Zeit. Und in dieser kurzen Zeit ist der Besitzer gefordert, aktiv eine Entscheidung zu treffen - oft genug eine Entscheidung zwischen Leben und Tod.
Der Großteil der Hundehalter hatte noch nie Kontakt zu Dreibeinern und macht sich überhaupt keine Gedanken darüber, dass es auch seinen besten Freund treffen könnte. Passiert aber dann genau das, ist Mensch wie vor den Kopf geschlagen. Kommt mein Hund auch auf drei Beinen zurecht, wie werden andere Hunde auf ihn reagieren, was wird sich in unserem gemeinsamen Leben ändern,... wird mein Hund überhaupt noch glücklich sein? All diese quälenden Fragen lassen sich für den eigenen Hund jedoch erst beantworten, wenn das Bein abgenommen ist - ein Schritt, der nicht mehr rückgängig gemacht werden kann.
Bisher ist uns jedoch kein Betroffener bekannt, der seine Entscheidung pro Amputation bereut hätte!
Konfliktmanagement
Im Freundes- und Bekanntenkreis, ja sogar in der eigenen Familie, wird auf die Tatsache, dass der Hund nun dreibeinig unterwegs ist, oft mit Unverständnis reagiert. Vor allem Menschen ohne Bezug zu Hunden, aber leider auch Hundehalter äußern sich in sehr verletzender Weise - wer gerade den Nervenkrieg der Entscheidungsfindung hinter sich hat oder sich vielleicht noch in diesem Prozess befindet möchte nicht hören "hättest du ihn doch besser einschläfern lassen / lass ihn doch besser einschläfern". Solche Äußerungen zu ignorieren fällt schwer, braucht man doch viel mehr jemanden, der seine Unterstützung anbietet, der Mut macht, vielleicht sogar ähnliches erlebt hat...
Erkrankungen und Diagnostikmöglichkeiten
Häufigste Ursachen für eine Amputation sind Unfälle, nach denen das Bein nicht erhalten werden kann. Ein nicht funktionstüchtiges Bein bringt dem Hund nichts außer ein zusätzliches, "totes" Gewicht, das schlimmstenfalls zu weiteren Schäden des Skeletts führen kann.
Oft wird aufgrund von Krebserkrankungen amputiert. Dabei sollte jedoch bedacht werden, dass verschiedene Krebsarten sehr aggressiv sein können und schnell streuen. Mittels weiterer Diagnostik zum Beispiel durch ein CT können Metastasen festgestellt werden. Hat der Tumor bereits metastasiert, ist die Lebenserwartung des Hundes trotz Amputation oft nicht sehr hoch. Dies sollte genau mit dem Tierarzt besprochen und in die Entscheidungsfindung einbezogen werden, auch eine zweite tierärztliche Meinung kann hilfreich sein.
Spezialisten
Leider sind keine Spezialisten bekannt, zumindest nicht für das Thema Amputation / Dreibeinigkeit an sich. Da wäre wohl ein Orthopäde gefragt, bei Krebserkrankungen ein Onkologe. Generell sollte man unabhängig vom Spezialgebiet des Tierarztes auch seinen eigenen, gesunden Menschenverstand befragen. Man könnte geneigt sein, die Kompetenz eines Tierarztes anzuzweifeln, der zum Beispiel bei einem großen schweren Hund wie dem Neufundländer die Amputation eines Vorderlaufs befürwortet. Größe und Gewicht des Hundes sollten bei der Entscheidung unbedingt im Hinterkopf behalten werden - denn erinnern wir uns: Hunde tragen mehr als 60 % ihres Gewichts auf den Vorderbeinen...